Liedersammlung des Zürcher Chorliederverlag

1. Es liegt ein Schloss in Österreich,

Liedtext

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first_line1. Es liegt ein Schloss in Österreich,
lyric1. Es liegt ein Schloss in Österreich,
das ist gar wohl erbauet
von Silber und von rotem Gold,
mit Marmorstein gemauert.

2. Darinnen lag ein junger Knab
auf seinen Hals gefangen
wohl vierzig Klaftern unter der Erd
bei Ottern und bei Schlangen.

3. Sein Vater kam von Rosenberg
wohl vor den Turm gegangen.
""Ach Sohn, herzallerliebster Sohn,
Wie hart liegst du gefangen!""

4. ""Ach Vater, liebster Vater mein,
so hart lieg ich gefangen
wohl vierzig Klaftern unter der Erd
bei Ottern und bei Schlangen.""

5. Der Vater vor die Herren ging,
bat um des Sohnes Leben:
""Dreihundert Taler geh ich euch,
schenkt meinem Sohn das Leben!""

6. ""Dreihundert Taler helfen nicht,
ob Ihr sie schon wollt geben;
euer Sohn trägt eine güldne Kett,
die bringt ihn um sein Leben.""

7. ""Und trägt er eine güldne Kett,
ist sie doch nicht gestohlen,
ein Jungfräulein hat's ihm verehrt
und teuer anbefohlen.""

8. Man brachte den Knaben aus dem Turm,
gab ihm die Sakramente.
""Hilf, reicher Christ, vom Himmel hoch!
es geht mit mir zu Ende.""

9. Man brachte den Knaben vors Gericht
in gar geschwinder Eile:
""Ach Meister, lieber Meister mein,
last mir eine kleine Weile!""

10. ""Eine kleine Weile lass ich dir nicht,
du möchtest mir entrinnen.
Reicht mir ein seiden Tüchlein her,
dass ich ihm die Augen verbinde.«

11. ""Verbindet mir die Augen nicht,
ich muss die Welt noch schauen;
ich sehe sie heut und nimmermehr
mit meinen traurigen Augen.""

12. Sein Vater beim Gerichte stund,
sein Herze wollt' ihm brechen:
""Ach Sohn, herzallerliebster Sohn,
den Tod will ich schon rächen.""

13. ""Ach Vater, liebster Vater mein,
sagt nicht, ihr wollt es rächen,
auf dass sie nicht noch über mich
ein härter Urteil sprechen.

14. Mich dauert ja mein Leben nicht
und auch nicht meine Ehre.
Meine Mutter dauert mich daheim,
die wird weinen also sehre.""

15. Es stund kaum an den dritten Tag,
die Engel Gottes winken:
So grabt dem Knaben doch ein Grab,
sonst muss die Stadt versinken.

16. Es stund kaum an ein halbes Jahr,
so ward die Tat gerochen:
Es wurden wohl dreihundert Mann
um's Knaben willen erstochen.

17. Wer hat uns denn dies Lied gemacht
und auch gesungen zugleiche?
Drei schöne Jungfräulein zu Wien,
einer Stadt in Österreiche.
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1. Es liegt ein Schloß in Österreich,
das ist gar wohl erbauet
von Zimmet und von Nägelein.
Wo find`t man solche Mauern, ja Mauern.

2. Darin liegt sich ein junger Knab
wohl um sein Leben gefangen,
er liegt sich wohl vierzig Klaftren tief
bei Ottern und auch bei Schlangen, ja Schlangen.

3. Das waren sich seine Brüder gewahr,
ein Brieflein täten sie schreiben:
Sechstausend Gulden wollen wir geben
wohl um des Knaben sein Leben, ja Leben.

4. Sechstausend Gulden nehmen wir nit,
der Knab, der muß sterben;
er tragt sich von Gold ein Halsband an,
das bringt ihn um sein Leben, ja Leben.

5. Das güldne Halsband, das er tragt,
das hat er nit gestohlen,
das hat ihm ein Königstochter verehrt,
das tragt er gar unverhohlen, ja hohlen.

6. Und da der dritte Tag herbei kam,
den Knaben tät man auslassen
wohl zu dem obersten Tor hinaus,
wohl auf der Galgenstraßen, ja Straßen.

7. Und da er die erste Staffel anauf kam,
die andre auch daneben:
Ach Meister, lieber Meister mein,
so warte doch ein kleine Weilen, ja Weilen!

8. Eine kleine Weilen, die warte ich nit,
der Tag schleicht von hinnen;
langet mir ein seiden Tüchlein her,
laß mich seine Augen verbinden, ja binden!

9. Ach Meister, liebster Meister mein,
laß mich die Welt anschauen,
ich seh heut die Welt und nimmermehr
mit meinen klaren Augen, ja Augen.

10. Indem kam sich sein Vater gegangen:
Ach Gott, den Schaden mußt du rächen!
Wüßt es die liebste Mutter zu Haus,
ihr Herz würd zerbrechen, ja brechen.

11. Und da der neue Tag herbei kam,
den Knaben tät man rächen:
es wurden sich sechstausend Mann
wohl um den Knaben erschossen.
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