| lyric | 1. Weiss mir e Herr, hät siebe Süh und nu en einzigs Töchterli.
2. Der Herr ladt zum e Gastmahl y, de Künig us Mailand ist au derby.
3. Die Tochter hät Haar so gel wie Gold, darum wird ihre der König hold.
4. Das Mägdli wött go schlofe goh, tritt ihre der Künig us Mailand noh.
5. Und do-n er het sy Wille toh sitzt er uf’s Ross und ryt’t dervo; in vierzig Wuche willer wiederko. 6. Die vierzig Wuche sind umme, de Künig ist nie kumme.
7. Dem Mägdli wurd’s im Syteli weh, zu einem kleinen Kindele.
8. „Ach Brueder, liebe Brueder my, erlaub du mir dy Kämmerli.
9. Erlaub mit dy Schlofgade; kleine Kindeli mue-n i habe.“
10. „Ach Schwester, liebe Schwester mym ’s Schlafkämmerli soll dy eige sy.“
11. „Ach Brueder, liebe Brueder my, und hätt i numme no Wyber dry!.“
12. „Ach Schwester, liebe Schwester my, die Wyber müend gly vorhande sy.“
13. Und do das Kind gebore war, die eine zu der andern sprach:
14. „DAs Kind ist hübsch und minniglich, es sieht dem Küng us Mailand glych.“
15. Die Mueter an den Wände erloset de Reden en Ende;
16. Sprung dür die Stegen uf und ab, bis dass sie zu’s Mägdlis Vatter kam.
17. „Händ eister gseit, eui Tochter sei fromm, jetz het sie geboren en junge Sohn.
18. Das Kind ist wüest und grüselich, es sieht em leidige Tüfel glych.“
19. Der Vatter fiel in e grosse Zorn; er sprung wohl uf die Mure, reuft alle syne Nachbure:
20. „Nachbure, liebi Nachbure, müend mir en Galge mure, dra muess my Tochter verfule.
21. Ich will sie lasse hänke, ihr junge Soh vertränke!“
22. Der Brueder an de Wände erloset de Reden en Ede.
23. „Ach Schwester, liebi Schwester my, mir händ e zornigs Vätterli.
24. Er will di lasse hänke, dyn junge Soh vertränke!“
25. Das Mägdli setzt si uf im Bett, es wünscht das’s Dinte und Feder hätt;
26. Es tuet e Briefli schrybe, sym Herren in Mailand yne.
27. «Ach Brueder, liebe Brueder my, muesst mir es Briefli trage, mym Herre in Mailand sage.» 28. Do-n er i’s Mailand yne kam, so er zum Herr in d Stube trat. 29. Was zog er us sym Buese? «Sieh hie, sich hie, myn Herre my, darin kannst sehe wer i bi.» 30. Eb er das Briefli ganz lese kann, die Träne ihm in d Schoss abe rann. 31. «Stönd uf, stönd uf, ihr Ryter, uf! Wir müend an Rhynstrom ryten us, wohl um e zarts Jungfräuli us.» 32. Und do-n es war am Frytig früeh, sie füehred das Mägdli us so früeh. 33. Frumm Mägdli wend sie hänke, syn junge Soh vertränke. 34. Und do-n es uf die Leiter trat, es den Nachrichter treuli bat: 35. «Nachrichter, lieber Nachrichter my, 0 wart du no ne kleine Wyl! 36. I ghör’ e scharfe Rytery, i hoff, es möcht ein drunder sy, möcht mynes Kindlis Vater sy.» 37. Der Nachrichter ist e barmherzige Ma, er wartet und wartet vierthalb Stund, bis dass die Schar vo Rytere chunnt. 38. Er wünschet allen e guete Tag, dazu ne guete Morge: «Wen wend er so früeh versorge? 39. In unserm Land ist's nit der Bruch, dass me ’s Wybervolk tuet hänken uf.» 40. Was zog er us sym Buese? En Windel von schönem Tueche. 41. «Sieh hie, sieh hie, brun Maidli my, wickle du dyn kleines Kindli dry.» 42. Was zog er us syr Scheide? 0 Wunder! ein schönglänziges Schwert. Er stach syn Schwägerin uf die Erd. 43. «Wenn er synes Adels nit niesse möcht, so stäch i myn Schwäher uf die Erd.» 44. «Ach Anni, magst ’s Ryten erlyde? Magst zu mir uf my Pferd styge? 45. Du muest nu ryten e halbi Stund, bis dass e Gutsche gege-n üs chunnt.» 46. «Warum wött i ’s nit besser erlyde als uf de hoch Galgen uf styge?» 47. Es stoht nit meh als e halb Jahr a, der König stellt e Gastmahl a. 48. «Ach Anneli, liebs Anneli my, wend mer au lade die Vätterli dry ?» 49. «O nei, 0 nei, myn Herr, lass sy, my Vätterli wend mer nit lade dry.» 50. «Es fliegt e Vögeli nit so hoch, es loht si wieder nieder: Wenn scho dy Vätterli zornig ist, der Zorn, der leit si wieder.» |