| lyric | Severus’ Schloß indessen mit seinem Mauerkranz Lag, von der Welt vergessen, in barem Mondesglanz, Geschlossen alle Fenster, als ob es träumend schlief, Der Garten, der verwildert, begrub’s in Blüten tief.
Vorüber an dem Monde flogen die Wolken schnell, Daß finster bald der Garten, bald wieder seltsam hell, Die alten Bäume ragten wie Geister übers Haus, Als sähen ihre Wipfel in andre Welt hinaus.
Da fuhren plötzlich Rehe, die um das Schloß gegrast, Erschrocken über die Beete, die längst schon überrast, Ein Wandrer, von den Dornen zerrissen, wüst und bleich, schlüpft durch das Waldgehege in dies verschwiegne Reich.
Da stand er still und horchte, dann schlich er heimlich sacht Durch das Gebüsch, stand wieder und lauschte in die Nacht; Todstille war’s in die Runde, von fern nur hallte Tritt, Als ob zum Überfalle ein Häuflein Krieger schritt.
Und wenn’s zu spät schon wäre! Dacht’ er in seinem Sinn, Warf kurze, scharfe Blicke durch alle Sänge hin, Seitwärts in dem Gebüsche schlug eine Nachtigall, Er fuhr erschreckt zusammen bei dem unschuld’gen Schall.
Jetzt kommen immer näher die Tritte aus dem Wald, Schon zeigte zwischen den Bäumen sich manche wilde Gestalt, Und aus dem Dunkel traten der Männer immer mehr, Faustina, waffenglänzend, schritt rasch vor ihnen her.
„Was folgst du mir so früh schon?“ rief ihr der Wandrer zu, „Scheu fliegt das Wild von dannen, stört ihr die Nachtgeruh’.“ Durch die zerrißnen Molken sah streng der Mond ihn an, Die Wipfel rauschten zornig — es war Oktavian.
Da nun erkannt die andern sein wüstes Angesicht, Die ganze Horde plötzlich aus allen Hecken bricht, Ein jeder, ihn zu fangen, will da der Erste sein; Da wendet sich Faustina: „Zurück! denn der ist mein!“
Sie kannt’ wohl seine Liebe und ihres Zaubers Macht, So hatt’ sie ihn geworben zum Führer in dieser Nacht Und selber an die Spitze der Schergen sich gestellt, Am ihren Buhlen zu retten, derweil Severus fällt.
„Das Rest ist ausgeflogen,“ rief jetzt Oktavian, „Harret lauernd in dem Grunde und laßt mich rasch voran, Ich weiß hier aller Pfade verschlungnen Lauf Und stöbre die Mauerfalken aus ihren Klüften auf.“
Drauf sahn sie schnell ihn klimmen hinan die steilen Höhn, Bald schwindelnd überm Abgrund auf jäher Klippe stehn, Bald wie ein Tiger sich schwingend von Fels zu Felsenhang, Als jagten ihn Grimmen auf diesem wilden Sang.
Jetzt von dem letzten Steine betrat er droben die Heid“, Da schien der Mond so helle durch die Waldeinsamkeit, Ein Mann, gleich einem Steinbild, dort eingeschlummert saß, Sein Schwert, sein Schild und Mantel lag neben ihm im Gras.
Severus war’s. — „Dich such’ ich!“ rief da Oktavian. Selber, vom Schlaf auffahrend, starrt die Erscheinung an, Dann rafft er sich vom Bogen: „Entsetzlich Traumgesicht! Du blickst wie Basilisken, weg! mit dir fecht’ ich nicht!“
Und fort zum Walde stürzt’ er, wie vor der Hölle Macht, Der Lohn ihm nach. — Vergebens! die trügerische Nacht Mit ihrem Dämmer hatte die Pfade all verwirrt, Der Widerhall der Tritte nur durch die steine irrt.
Im Tale aber hatte Faustina nicht länger Rast, Ihre Blicke folgten dem Ritter in wilder Hast, Die enge Schlucht, die einz’ge, die durchs Gestein da brach, Führt’ sie die Ihren schweigend dem Liebsten nach.
Und einer nach dem andern, gleichwie ein Lindwurm schlang Hinan die tückische Rotte sich durch den schmalen Sang, Jetzt hört’ man Massen girren und einzle Stimmen schon — „Dorthin!“ rief einer plötzlich, „der Alte ist entflohn!“
„Ihr lügt, hie bin ich!“ donnert’s da von der Felsenwand, Ein hoher Mann stand droben, das Schwert blitzt in der Hand, Der Helmbusch rollt wie Mähnen — wohl seinen letzten Sang Tat da, wer aus der Felsschlucht sich keck ins Freie schwang.
Doch immer mehr’ der Krieger hoben sich nun empor. Aus vielen Todeswunden verblutend am Felsentor, Schon auf ein knie gesunken, von Leichen rings umwallt, Focht wie ein wunder Löwe die schreckliche Gestalt.
Faustina wohl erkannte Severus’ Helm und Schild, Ihr Herz in wildem Grimme lechzt nach dem edlen Bild, Sie prüft des Pfeiles spitze, sie zielt und zielte gut, Der P feil schwirrt rasch vom Bogen, der Held sinkt in sein Blut.
Draufwie ein schlanker Panther schwingt sie sich schnellherbei— Doch wie sie lüpft den Helmbusch: mit einem gellenden schrei Sie über dem Erschlagnen da plötzlich zusammenbricht — Es war des Oktavianus todschönes Angesicht!
Dem war on tödlicher Reue die alte Treu’ erwacht, Sein Haar vor Gram und schrecken ergrauet über Nacht, Den Vater zu warnen trieb es voran ihn unverweilt, Als auf der letzten Höhe Faustina ihn ereilt.
Da hatt’ er lebensmüde, da rings die Dränger nahn, Des Vaters Helm und Waffen vom Boden angetan, Und täuschend so die Pfeile, in herber Todeslust, Die dem Severus galten, gelenkt auf seine Brust.
Ein Siegesjubel jauchzte jetzt auf in wildem Chor, Da richtet sich Faustina auf einmal hoch empor, Und wie sie sich gewendet, faßt all ein tiefes Graun, Da sie in ihr entsetzlich verwandelt Antlitz schaun.
Gleich Geiersflügeln flattert der Locken dunkle Pracht, Ihre wilden Blicke funkeln wie aus des Wahnsinns Nacht, So drängt und treibt sie rasend von Fels zu Fels hinab Mit ihrem Schwert die Horde in ein gemeinsam Grab.
Und als sie dann alleine am jähen Felsenrand Zwischen den starren Zacken über dem Abgrund stand, Nach dem die Tanne schwindelt und die wilden Wasser gehn, Stürzt’ sie sich selbst hinunter, und ward nie mehr gesehn.
Aber in stillen Nächten von unsichtbarem Mund Hören noch Hirten und Jäger oft aus dem finstern Grund Trostlose klagen tönen, und wer’s vernommen, flieht, So wild und herzzerreißend tönt dieses irre Lied. |