Liedersammlung des Zürcher Chorliederverlag

Unter kühlen Waldesschatten

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first_lineUnter kühlen Waldesschatten
lyricUnter kühlen Waldesschatten
An Assyriens Wüstenrand,
Als die letzte Christenwarte,
Starr die Burg Severus’ stand.
In dem Garten vor dem Hause,
Von der Wüste angeglüht,
War schon lange von der neuen
Zeit die alte überblüht;
Über eines Heidentempels
Halbversunknem Steingebild
Brütete der junge Frühling,
Hatte, was da unten wild
Aus der Götterdämm’rung Abgrund
Noch die Menschenseele schreckt,
Heiter mit unschuld’gen Blumen
Und mit Reben überdeckt.
In der Väter Halle aber
Barg Severus streng sein Schwert,
Denn es schien ihm, es zu schwingen,
Diese Welt nicht länger wert.
Sinnend unter einem blüh’nden
Sonndurchblitzten Lindenbaum
Bei der Bienen Schlummerliede
Saß der Alte wie im Traum,
Überschaut’ die Weingelände,
Die im Mittagsglanze glühn,
Sah die Ährenfelder Wogen
Und die Wolken drüber ziehn,
Tiefe Rast auf Berg und Talen —
Nur ihn, schien es, mied die Ruh’,
Denn scharf durch die weite Stille
Flog sein Blick der Ferne zu.

Plötzlich sprang er auf: „Da kommt er!“
und ein Reiter funkelnd bricht
Aus dem Wald, steht und blickt um sich —
Doch es war Oktavian nicht,
Der von Stund’ zu Stund’ Erharrte! —
Rings noch einmal in die Rund’
Schaut der Fremde, winkt dann rückwärts
Und weist freudig nach dem Grund.
Und nun immer mehr Gestalten
Sah man von der Höhe ziehn,
Bald helleuchtend in der Sonne,
Bald verdeckt vom Waldesgrün.
Zelter führten sie am Zügel,
Drauf, im Arm manch lieblich Kind,

Schöne Frauenbilder schwebten,
Mit den Schleiern spielt’ der Wind;
Und so auf gewundnem Pfade
Senkten sie vom Waldeshang
Sich zu Tal wie Wandervögel,
Und herüber tönt’ Gesang.

An den frommen Wanderliedern
Hat severus sie erkannt:
Christen waren’s, die der Heiden
Zorn von Hof und Herd verbannt.
Und er sandte ihnen Boten,
Ließ sie laden auf sein Schloß,
Und empfing am offnen Tore
Brüderlich den müden Troß.
Da begann sich’s bald zu regen
In dem stillen, finstern Haus,
Fremde Trachten, fremde Stimmen
Gingen plaudernd ein und aus,
Auf der Rasenflur im Garten
Glänzte festlich Tisch an Tisch,
Durch die Wipfel über ihnen
Strich der Wind so reisefrisch,
Und die Diener unverdrossen
Rannten hilfreich ohne Rast,
Denn in abgeschiedner Stille
Stets willkommen ist der Saft,
Der, in langentbehrten Lauten,
Draußen aus den Ländern weit
Freundesgrüße bringt und Kunde
Von des Lebens Lust und Leid.
Sie erzählten von des Kaiser
Julians stolzer Heeresfahrt,
Wie er alle falschen Götter
Wider den wahrhaft’gen schart;
Sie erzählten von einem Ritter,

Der da schnöde Seel’ und Leib
Und sein Christenheil verkaufte
An ein schönes Zauberweib,
Selber nun der Christen Geißel. —
„Den vernichte Gottes Hand!
Euch ihm!“ rief Sever’ da, füllend
Seinen Becher bis zum Rand.
„Und wie heißt der falsche Ritter?“ —
„Oktavian wird er genannt.“ —
Bei dem Klange dieses Namens
Ward Severus totenblaß
Und zerschmetterte am Boden,
Als enthielt’ es Gift, sein Glas.
Da auf einmal durch den Garten
Ruft es: „Rette sich, wer kann!
Unaufhaltsam wie ein Waldbrand
Schon dringt Julian heran!“
Und nun schwirrt es durcheinander,
Weiber weinen, Kinder schrein,
Tische werden umgestoßen
Und verschüttet wird der Mein.

In der Wirrung da Severus
Wie aus Träumen sich besann,
Hieß sich die Erschrocknen scharen,
Legte seine Rüstung an
Und führt’ drauf auf öden Pfaden
Eilig Weib und Mann und Roß
Zwischen Klippen, durch Gestrüppe
In die Wildnis überm Schloß.
Hinter ihren Tritten wieder,
Sie zu schützen vor Verrat,
Schlugen Zweig und Gras zusammen,
Und kein Fremder ahnt den Pfad,
Der in Molken sich verloren;

Denn todstill und einsam war
Dieser Sang, hoch in den Lüften
Nur gewahrte sie der Aar.
Droben aber eine Nue
Hat der alte Wald umstellt,
Den ein Viranz von Felsenzacken
Do geschienen von der Welt,
Daß verhallend kaum des Lebens
Flut den Felswall noch bespült’,
Auf dem ein verfallnes Kirchlein
Immer treu noch Wache hielt.

Dort jetzt lagerten die Christen
In der rauhen Einsamkeit,
Wie wenn späte Herbsteslüfte
Buntes Laub durchs Grün verstreut;
Frühling aber wirkt den Teppich,
Den mit Silber säumt der Bach,
Auf den schlanken Säulen drüber
Wölbt der Wald sein luft’ges Dach,
Und die Wipfel alle rauschten
Und die Vögel sangen hell,
Einander da und Blumen spielten
Miteinander an dem Quell,
Als wär’ eben nichts geschehen
Und auf Erden alles gut,
Mußten doch die Blumenkinder,
Daß sie all in Gottes Hut.
Und als drauf im Abendgolde
Berg und Tal versunken war,
Kinder schon und Vögel schliefen,
Hang ihr Abendlied die Schar,
Und es stimmt’ des Waldes Rauschen
Und von fern die Nachtigall
In die wunderbaren Weisen
Träumrisch ein mit süßem Schall.

Doch Severus zog indessen
Mit den Sternen auf die Macht,
Er könnt’ nicht mit ihnen singen,
Ihm ward wohl erst in der Nacht.
In die Tiefe horcht’ er nieder
Und vernahm der Ströme Lauf,
Heerestritt und Hörnerklange
Wehte oft der Wind herauf,
Und es rührten diese Laute
Mild ihm in der festen Brust
Seiner Jugend Angedenken
Und die alte Kriegeslust.
Und da, immer mächt’ger steigend,
Mit der dunklen Wetterpracht
Ihre Fahnen nun entfaltet
Überm Himmelsgrund die Nacht,
Mar es ihm, als sah’ er Krieger
Zornig reiten durch die Luft
Und den Racheengel schreiten,
Der da zu Gerichte ruft,
Und sie schleudern glüh’nde Speere,
Und es zündet jeder Speer
Grimme Flammen ihm im Herzen. —
Da klang’s von dem Waldplatz her:
„Zieh, die Wetter sind verzogen
Und die Frühe glänzt verweint,
Wölbe, Herr, den Friedensbogen
Über Freund und Feind!“

Und Heverus bei dem Klange
Stürzt’ erbebend auf die Knie:
„Du, der in der Todesstunde
Heinen Feinden einst verzieh,
Hilf, daß mich Erbarmungslosen
Nicht der Hölle Wahnsinn fass’!
Einen Hauch nur deiner Liebe!

Lösch das Feuer, brich den Haß!“
Und derweil er im Gebete
Also mit dem Teufel rang,
Tönt’ aufs Neue da herüber
Von dem Walde der Gesang:

„Ave, Maria, benedeite!
Um uns in der falschen Nacht
Deinen Sternenmantel breite,
Schütz uns vor der Bösen Macht!“
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