| lyric | Schon dunkelte der Abend, kaum noch ein Vöglein sang Aber den weiten Feldern, den finstern Wald entlang Spielten zuckende Blitze fern an des Himmels Saum, Und prächtig über den Wipfeln stieg die Nacht auf wie ein Traum.
Nur eines Hifthorns Laut noch tönt’ aus den Bergen tief, Es war der Kaiser Julian, der die Gefährten rief, Der hatt’ sich weit von ihnen verstiegen auf der Jagd, Zwischen jähen Schlünden von Klippen rings umragt.
Dort konnt’ ihn niemand hören, es lag zu weit Die Welt, schon halbentschlummert, von dieser Einsamkeit, Da sah er sich verwundert in seinem Reich allein, Es fragte nach dem Cäsar hier weder Baum noch Stein.
Jetzt fuhr aus fernem Wipfel ein Falk mit wildem Schrei, Ein Reh, wie vor dem Jäger, schoß an der Kluft vorbei, Und hinter ihm zum Abgrund rollten die Kiesel hinab — Wer schreckt das Wild vom Schlafe in diesem Felsengrab?
Da plötzlich hört er Tritte, das Laub am Boden rauscht, Schon knistern nahe Äste, und wie er steht und lauscht, Bricht atemlos durchs Dickicht ein totenbleicher Mann — „Severus, du?!“ — ruft staunend der Kaiser den Wandrer an.
Der aber sprach voll Freuden: „Nicht rief des Hornes Laut. O Gott, wer ist so teuflisch, daß ihm davor nicht graut, Mit Höllenqualm zu schwärzen dies edle Angesicht! Sie lügen! und fragt keiner, ob mir das Herz auch bricht.“ —
„Sprichst irre wie der Nachtwind, Freund, ich versteh’ dich nicht.“ — „Laß nur! Derweil wir wandern, erstatt’ ich dir Bericht. Jetzt komm, denn wüst’ Gesindel, auf Mord und Raub bedacht, Seht um in dieser Wildnis und lauert in der Nacht.“
Der Kaiser folgte schweigend, Severus sagt’ im Gehn: „Schau, wie die Sterne fragend auf dich herniedersehn, Das ist die rechte Stunde, so still und ungestört, Wo uns der ernste Wald nur und Gott im Himmel hört.
Zieh Heer und Volk verwildert wie ein entfesselt Tier, Vom Banner, statt des Kreuzes, schaun Götzenbilder stier, Verkehrt in Wahn und Schande sah ich all frommen Brauch.“ — Julian entgegnet’ lächelnd: „Kein Feuer ohne Rauch!
Schilt’st die Natur du, Alter, weil sie ihr Joch zerbricht, Aus Quell und Bäumen wieder die Götterseele spricht, Und Helios durch die Nebel den Siegeswagen lenkt, Die Welt im Licht eratmet, der Mensch begeistert denkt?“ —
„Ei, Worte, Worte, Worte! ich weiß bloß: Die Natur Ist nur eine arme, demütige Kreatur, Die schauernd von dem träumet, in dessen Hand sie ist. — Ja oder nein verlang’ ich: Glaubst du an Jesus Christ?“
Der Kaiser drauf unwillig und finster: „Nein!“ Da stand sein Führer plötzlich am Steinweg selbst wie Stein, Die dunkle Stirn umlodert von der Blitze rotem Licht, Als ging’ der Rache Engel da zu Gericht.
Er aber senkt’ die Blicke und sagte trüb in sich: „Wie oft auf meinen Knien wiegt’ ich als Knaben dich, Hatt’st so schöne große Augen, wie in den Himmel frei Und tief war’s da zu schauen — das ist nun alles vorbei!“
Und wie sie weiterschritten, tat’s einen langen Blitz, Da schwirrt’ ein Pfeil herüber aus wüstem Felsenritz, Sever’ den Schützen gewahrend, fing rasch der Waffe Lauf, Die grad’ auf Julian herflog, mit Arm und Mantel auf.
Dann richtet hoch empor sich der Kämpe treu, Als schüttelte seine Mähne ein wunder Leu, Und späht nach allen Zeiten noch einmal scharf umher. „Du blutest,“ sagt der Kaiser. — „Mein Herz das blutet mehr.“ —
Und über Dorn und Gerölle, wo nur die Gemse ging, Führt’ er nun seinen Herren rasch aus der Felsen Ring, Bis auf den letzten Klippen, die überm Lande stehn, Auf einmal die weiten Täler kühl ihnen entgegenwehn.
Das Wetter war verzogen, sie sahen von der Höh’ Tief unten Julians Zelte, wie Schwäne auf stillem See, Schon kamen einzelne stimmen herüber durch die Luft — Da stand der Kaiser plötzlich still an der Kluft:
„Mein alter Kriegsgeselle, du hast dich treu bewährt, So sei als mein Feldhauptmann vor allen fortan geehrt!“ Severus aber schüttelt sein Haupt: „Das kann nicht sein, Ich bin nicht mehr wie eh’mals mit ganzem Herzen dein.
Es scheiden unsre Wege an dieser Felsenwand, Wohin dereinst sie führen, das steht in Gottes Hand, Dich rufen deine Scharen, ich hab’ ein andres Heer, Seh du dorthin, ich dahin — wir sehn uns nimmermehr.“
Und als des Kaisers Tritt nun zögernd im Tal verlang, Setzt’ sich Severus nieder am Bergeshang, Den Kopf er stützte, müde und leideswund, In seine beiden Hände und weinte aus Herzensgrund. |